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Nachruf Hans Brüngger, 22. Juli 1934 bis 30. Juni 2014

Im Jahre 1982 hatte eine Gruppe von Männern um Hans Brüngger und
Jörg Leutwyler die Idee, einen Jungornithologenkurs „Opterix“ an der
Bez Lenzburg auszuschreiben.
Eine Gruppe junger Interessierter kam zusammen, die sich in die spannende Welt
der Vögel einführen liess.

Aus dieser Gruppe entstand 1984 die Jugendgruppe Strix als Untergruppe des Natur-
und Vogelschutzvereins Lenzburg. Der Leitgedanken der Jugendgruppe wurde wie folgt
formuliert:
„Unsere Jugendgruppe möchten wir aber fernhalten vom Leistungsgedanken; Naturkunde soll den Jungen Freude bereiten, dem Ausgleich dienen oder zum Hobby werden. Wir wollen mit den Jungen ab und zu auch spielen, praktisches Wissen weitergeben und auf ethisch und charakterbildende Grundzüge eingehen.“

Als Leiterteam stellten sich Hans Brüngger, Jörg Leutwyler, Urs Leutwyler und Ruedi Kieser zur Verfügung und als Koch war Hans Huber immer zur Stelle.

Die Kombination von Hans als Lehrer, Jörg als langjähriger Pfadi-Hauptleiter und Urs und Ruedi als die jüngeren Leiter war goldrichtig. Pro Jahr wurden 10 spannende Anlässe und ein Bergvogelweekend durchgeführt. Hans Brüngger prägte als Hauptleiter die Jugendgruppe in den ersten Jahren mit seinem profunden Naturwissen und zeigte uns allen die kleinsten Details der Natur. Jörg Leutwyler brachte seine praktischen Pfadi-Kenntnisse ein und hatte zum passenden Zeitpunkt immer ein Spiel bereit, das uns auf der Bewegungsebene fesselte.

Ein paar Jahre später stand das erste Lager in Le Prese (Puschlav) auf dem Programm. Die Frühexkursionen mit Pelzanemone und Ortolan und das allabendliche Fussballmatch gegen die einheimische Jugend sind bleibende Erlebnisse.

Ab 1987 hatte Hans Brüngger die Pflege seines Steinbruchs Lütisbuech übernommen. Unzählige Stunden verbrachte er mit Pflegearbeiten im Steinbruch. Die Jugendgruppe hatte ab diesem Jahr den Pflegetag im November auf dem Programm. Je nach anfallender Arbeit arbeiteten die Strixler und ihre Eltern einen halben oder ganzen Tag im Steinbruch.

Ab 1993 erarbeitete Hans einen Pflegeplan für den Steinbruch, der mittlerweile unter Naturschutz gestellt wurde. Er ist heute noch ein wichtiger Lebensraum für die seltene Geburtshelferkröte oder seltene Pflanzenarten, wie das Tausendgüldenkraut.

Unvergesslich sind die Szenen, wo der Arbeitseifer der Dreckschlacht Platz machte oder wo der Stiefelschaft kürzer war als die Wassertiefe…

Im Angelrainschulhaus logiert eine riesige Kolonie der Mauersegler und im KV Schulhaus der Alpensegler, sein grösserer Bruder. Hans Brüngger betreute beide Kolonien, beringte mit Max Hüni zusammen die Jungvögel und führte Statistiken.

Während der Umbauphasen stand er als „Anwalt der Tiere“ für die Segler ein, so dass die Bau- und Brutarbeiten möglichst aneinander vorbei gingen. Die Betreuung der Kolonien übergab Hans im Jahr 2013 an seine Nachfolger und so lebt sein Werk weiter.

In der Jugendgruppe profitierten wir immer von Hans Brünggers vielen Tätigkeiten. Die Seglerkolonien wurden regelmässig besucht und wer lernt heute noch, dass man am Boden gelandeten Seglern mit einem beherzten Wurf in die Luft wieder Starthilfe gibt?
Hans Brüngger machte das alles möglich!

Im Jahr 1993 gab Hans die Hauptverantwortung der Jugendgruppe ab und war fortan die „graue Eminenz“ im Leiterteam. Hans verstand es aber sehr gut, den „jungen“ Leitern Entwicklungs-Raum zu geben. Sein immenses Wissen wurde mit ihm erlebbar und wir alle wurden von ihm geprägt.

Es war auch spannend zu sehen, wie er sich mitnehmen liess von den jüngeren Ideen. Nachtwanderungen, Jugendplauschtage, Ausflüge in alle Gegenden der Schweiz oder sogar ans Wattenmeer – Hans liess sich begeistern und war mit Herz und Seele dabei.

Als er 1997 pensioniert wurde, sprühten seine Ideen förmlich. An einer Jahresprogrammsitzung hatte Hans allein eine so lange Liste von Ideen, dass aus dieser fast das ganze Jahresprogramm entstand.

Ein denkwürdiges Jahr war das 2002. Das Jahresprogramm stand unter dem Motto „alle Anlässe möglichst auf dem Längengrad durchführen, auf dem Lenzburg liegt“. Irgend aus einem Witz heraus kam der Atlas auf den Tisch und man fand heraus, dass das Wattenmeer voll nördlich von Lenzburg war. Die Idee wurde weitergesponnen und im Sommer 2002 reiste eine Gruppe von 12 Strixlern mit Leiter auf die Insel Juist. Hans war mit dabei. Auf die Insel kamen wir mit dem Schiff. Wegen der ungünstigen Ebbe-Flut musste Markus die Rückreise aufs Festland per Kleinflugzeug buchen. Das war die Überraschung für alle und Hans kam so zu seinem ersten und einzigen Flug in seinem Leben. Strix verleiht nicht nur Flügel sondern lässt einen sogar fliegen!

Das 20-Jahr Jubiläum der Jugendgruppe Strix wurde mit zwei Geburtstagstorten gefeiert. Die zweite bekam Hans zu seinem 70igsten Geburtstag. Im Vorfeld hatte Hans immer gesagt, dass er mit 70 zurücktreten wolle. Am Jubiläumstag liess er sich von uns begeistern und war noch weitere drei Jahre Mitglied des Leiterteams der Jugendgruppe Strix.

Danach war er immer da, wenn es ihn brauchte.  Mindestens einmal im Jahr am Arbeitstag in seinem Steinbruch traf sich die Jugendgruppe mit Hans, um den „Glögglifröschen“ (Geburtshelferkröte) das zukünftige Leben zu ermöglichen.

2011 bis 2013 führte der Natur- und Vogelschutzverein 3 ornithologische Grundkurse durch. Hans liess sich einmal mehr begeistern und leitete jeweils Exkursionen. Mit seinem grossen Wissen, seinen persönlichen Geschichten und seiner herzlichen Art, verbunden mit dem Erfahrungsschatz seiner langjährigen Beobachtungen in und um Lenzburg konnte er alle Teilnehmenden begeistern.

Bis ins Jahr 2013 führte Hans die Meldestelle von Lenzburg. Jede und Jeder konnte ihm Vögel melden, die auf dem Territorium von Lenzburg gesichtet wurden. Jeweils an der Generalversammlung fasste er das gefiederte Jahr von Lenzburg zusammen.Die Anzahl seiner Beobachtungen und die Akribie, mit welcher er Daten zusammentrug lassen den Schatz nur vermuten, der sich über die Jahre angesammelt hatte.
Er übergab die Meldestelle 2013 an Sarah Locher und meldete ihr seine vielen Beobachtungen…

Am 30-Jahr Jubiläum der Jugendgruppe Strix am 20. Juni 2014 nahm Hans zusammen mit Ehefrau und Sohn als Gast teil. Es war sein letzter Strix-Anlass und zugleich ein Rückblick auf 30 unvergleichliche Jahre. Hans prägte so viele junge Menschen und am Strixjubiläum brachten einige davon nun ihre Kinder im Strix-Alter mit.

Am 30. Juni verstarb Hans an den Folgen eines Unfalls in seinem Garten,  viel zu früh. Er hat den Naturschutz in Lenzburg geprägt, wie kein anderer. Unvergesslich ist auch seine Outdoor -Kleidung: Stiefel, Manchester-Hose, blaue  Jacke, umgehängter Feldstecher und Hut!

Mit seiner unaufdringlichen bescheidenen Art, seinem Humor und dem riesigen Erfahrungsschatz prägte er viele junge und nicht mehr ganz junge Menschen. Er war immer da, wenn man ihn brauchte, drängte sich aber nie auf. Er sprühte vor Wissen und konnte dies begeisternd weitergeben. Das ist gelebter Generationentransfer. Durch Hans geschahen Werke mit Ewigkeitswert – in der Natur und in den Herzen der Menschen.